Psychisches Wohlbefinden in der Jugendarbeit: Warum wir weiter über Burnout sprechen müssen

Jugendarbeit lebt von Beziehungen, Empathie und Engagement. Doch wer unterstützt eigentlich diejenigen, die junge Menschen unterstützen?

In ganz Europa gewinnt das Thema psychisches Wohlbefinden von Fachkräften in der Jugendarbeit zunehmend an Bedeutung. Jugendbetreuer*innen und andere Fachkräfte arbeiten häufig in emotional anspruchsvollen Situationen und begleiten junge Menschen, die mit Stress, sozialer Ausgrenzung, Unsicherheit oder psychischen Belastungen konfrontiert sind.

Gleichzeitig stehen sie selbst oft unter hohem Druck: eine hohe Arbeitsbelastung, verschwimmende Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben, mangelnde Unterstützung innerhalb der Organisation und emotionale Erschöpfung können die eigene psychische Gesundheit beeinträchtigen.

Aktuelle europäische Forschung zeigt, dass psychische Gesundheit nicht nur als individuelle Verantwortung betrachtet werden darf, sondern auch auf organisatorischer und politischer Ebene berücksichtigt werden muss. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont die Bedeutung unterstützender Arbeitsbedingungen und sektorübergreifender Ansätze zum Schutz der psychischen Gesundheit. Auch aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass psychosoziale Arbeitsbedingungen einen wesentlichen Einfluss auf Stress, Burnout und das allgemeine Wohlbefinden haben.

Was zeigt die Y-CARE-Forschung?

Diese Herausforderungen spiegeln sich auch deutlich im transnationalen Y-CARE-Forschungsbericht zu Burnout-Risikoprofilen von Fachkräften in der Jugendarbeit wider. Dafür wurden Erkenntnisse aus sechs europäischen Ländern analysiert: Kroatien, Österreich, Italien, Griechenland, Polen und Frankreich.

Die Untersuchung kombinierte eine länderübergreifende Befragung zum Wohlbefinden mit Reflexionsrunden und Fokusgruppen, an denen mehr als 120 Fachkräfte aus der Jugendarbeit und angrenzenden Bereichen teilnahmen.

Die Ergebnisse zeigen: Burnout kann nicht einfach als Frage der individuellen Resilienz betrachtet werden. In den Partnerländern nannten die Teilnehmenden unter anderem hohe emotionale Anforderungen, instabile oder übermäßige Arbeitsbelastung, Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, Personalmangel sowie einen unzureichenden Zugang zu Supervision oder psychologischer Unterstützung.

Die Forschung identifizierte zudem unterschiedliche Burnout-Risikoprofile. Manche Fachkräfte erleben eine hohe emotionale Belastung bei gleichzeitig geringer Unterstützung durch ihre Organisation. Andere profitieren von starken informellen Beziehungen zu Kolleg*innen, die ihnen helfen, besser mit Stress umzugehen. Unterstützende Arbeitsumgebungen, in denen sich Mitarbeitende gehört fühlen und in Entscheidungsprozesse einbezogen werden, können hingegen einen wichtigen Schutzfaktor darstellen.

Daraus ergibt sich eine zentrale Schlussfolgerung: Das psychische Wohlbefinden von Fachkräften in der Jugendarbeit kann nicht allein durch individuelle Bewältigungsstrategien gestärkt werden. Auch Organisationen müssen gesunde Arbeitsbedingungen schaffen, offene Gespräche ermöglichen und leicht zugängliche Unterstützungsangebote bereitstellen.

Von der Forschung zum Dialog: Y-CARE-Podiumsdiskussionen

Genau deshalb steht der Austausch im Mittelpunkt des Y-CARE-Ansatzes.

Im Rahmen des Projekts organisieren die Partnerorganisationen Podiumsdiskussionen zum Thema psychisches Wohlbefinden. Dabei kommen Fachkräfte und relevante Akteur*innen zusammen, um über die Realität der Arbeit im Jugendbereich zu sprechen und gemeinsam praktische Möglichkeiten zur Stärkung von Wohlbefinden, Resilienz und organisatorischer Unterstützung zu entwickeln.

Wir freuen uns, dass in fast allen Y-CARE-Partnerländern bereits Podiumsdiskussionen stattgefunden haben. Sie boten Jugendbetreuer*innen, Fachkräften und weiteren Beteiligten die Möglichkeit, offen über Herausforderungen ihres Arbeitsalltags zu sprechen. In den verbleibenden Partnerländern finden die Diskussionen im Oktober 2026 statt.

Diese Treffen sind mehr als formelle Veranstaltungen. Sie schaffen einen geschützten Raum, um wichtige Fragen zu diskutieren:

  • Was sind die wichtigsten Ursachen für Stress und emotionale Erschöpfung in der Jugendarbeit?
  • Wie können Organisationen frühe Anzeichen von Burnout erkennen?
  • Welche Unterstützung brauchen Fachkräfte in der Jugendarbeit tatsächlich?
  • Wie kann Peer-Support strukturierter und langfristig verankert werden?
  • Was können Führungskräfte und Organisationen tun, um psychologische Sicherheit zu fördern?
  • Wie können wir ein gesünderes Gleichgewicht zwischen beruflichem Engagement und persönlichem Wohlbefinden schaffen?

Die Erfahrungen aus den Y-CARE-Aktivitäten zeigen, dass viele Fachkräfte ihrer Arbeit mit großem Engagement nachgehen. Doch dieses Engagement darf nicht auf Kosten der eigenen psychischen Gesundheit gehen.

Vom offenen Gespräch zur Veränderung

Besonders ermutigend ist die Bereitschaft vieler Fachkräfte, offen über Herausforderungen zu sprechen, die am Arbeitsplatz nicht immer leicht anzusprechen sind.

Die Y-CARE-Forschung zeigt, dass informelle Unterstützung unter Kolleg*innen bereits für viele Fachkräfte eine wichtige Ressource darstellt. Häufig ist diese Unterstützung jedoch weder strukturiert noch begleitet oder als Teil der Arbeitszeit anerkannt. Gleichzeitig können psychologische Sicherheit, empathische Führung und die Beteiligung an organisationalen Entscheidungsprozessen dazu beitragen, Burnout-Risiken zu reduzieren.

Die Botschaft aus den bisherigen Y-CARE-Aktivitäten ist daher klar: Wohlbefinden muss Teil der Kultur der Jugendarbeit werden – und darf nicht erst dann zum Thema werden, wenn jemand bereits von Burnout betroffen ist.

Y-CARE verbindet Forschung und Erfahrungen aus der Praxis mit konkreten Lösungsansätzen. Dazu gehören Weiterbildungsangebote, Peer-Support-Netzwerke, digitale Ressourcen sowie praktische Tools, die Fachkräfte dabei unterstützen, ihre Resilienz zu stärken und eine gesündere Work-Life-Balance zu entwickeln.

Denn junge Menschen gut zu unterstützen beginnt damit, auch diejenigen zu unterstützen, die täglich mit ihnen arbeiten.

Y-CARE – Youth-Centered Approaches for Resilience and Empowerment setzt sich dafür ein, diesen wichtigen Dialog in ganz Europa weiterzuführen.

Ich habe dabei bewusst „Fachkräfte in der Jugendarbeit“ als zentrale Bezeichnung verwendet und dort, wo Personen direkt benannt werden, mit Gendersternchen gearbeitet. Das wirkt für eine professionelle Y-CARE-Zielgruppe natürlicher als eine durchgehende Wiederholung von „Jugendarbeiter*innen“.

Nach oben scrollen